Die Sache mit dem Alleinsein

Algarve ©Claudia Spieß

Alleinsein ist nicht gleich Alleinsein

Hier geht’s jetzt nicht um das Thema „Single“ zu sein, sondern wirklich drum, mal für sich allein zu sein. Ein paar Minuten, ein paar Stunden, Tage oder auch länger. 

Vermutlich werden’s einige während der Corona-Pandemie zwangsläufig kennengelernt haben: Stichwort Quarantäne oder Absonderung. So auch mein Cheffe, den’s vor über einer Woche erwischt hat, der sich deshalb zurückgezogen hat und gezwungener- bzw. auch vernünftigerweise allein sein musste. 

Als er seine Erfahrungen, wie’s ihm damit geht, schilderte, sind mir x Gedanken in den Kopf geschossen. Ich war da ja auch grad allein. Aber auf eine ganz andere Art und Weise. 

Ich hab’s mir – im Gegensatz zu ihm – genau so ausgesucht. Ich WOLLTE allein sein. Ich wollt meine Ruhe haben. Ich brauch das ja ab und zu, und immer öfter, wie mir scheint. – Hier nachzulesen: Raus aus dem Alltag

Ich mag ja seine Postings. Meist etwas sarkastisch, garniert mit schwarzem Humor, oft sehr emotional, und sich auch mal selbst auf die Schaufel nehmend. Aber hier dacht ich mir, größer kann der Unterschied nicht sein. Drum hat mich das Facebook-Posting meines Chefs „inspiriert“, diesen Beitrag hier zu schreiben. 

Wollen und Müssen

Während ich also selig in meiner Almhütte gesessen bin und mich über die viele Ruhe hier gefreut hab, haut er unter anderem das hier raus:

„Seit 8 Tagen alleine in Quarantäne. Frage an jene, die Single und immer alleine sind: Wie macht Ihr das?“, und es geht weiter mit „… in unserem Vorzimmer haben wir 250 Fliesen am Boden, habe ich das schon mal erwähnt? Und der Kirschbaum vorm Fenster, im Innenhof, verliert gerade seine weißen Blüten. Pro Tag sind es rund 956 einzelne kleine Blätter, die da zu Erde schweben. Meist etwas links vom Baum. Dürfte mit dem leichten Wind zu tun haben. Und um ca. 6.34 jeden Tag hat die eine Frau, die schräg gegenüber ihr Fenster hat, immer einen orgen Hustenanfall, der meist mit einem kleinen Furz beendet wird. Der Hase von meinem Vermieter, der sich ebenfalls im Garten unter mir im Innenhof herumhoppelt, der gackslt ca. 8x am Tag.“

Ein paar Tage davor hab ich das hier auf Facebook gepostet: „Sitzen, schauen, genießen, abschalten. Die Ruhe beginnt genau jetzt zu wirken… nicht nur bei mir, sondern wohl auch beim besten Begleiter überhaupt.“

Klar macht es einen Riesen-Unterschied, ob man sich das Alleinsein selbst aussucht oder ob man dazu gezwungen wird. Unterm Strich ist es aber vielleicht doch gar nicht so unähnlich.

Das Foto hier zeigt nicht meinen Chef, ist ein Stockfoto von Unsplash, aber so in etwa hab ich ihn mir vorgestellt, als ich seinen Beitrag gelesen hab.

 

Stille

Wenn es richtig still ist, wenn man nur sich selbst als „Gesellschaft“ hat, kann es schon mal ordentlich ruhig sein. Unangenehm ruhig. Man ertappt sich bei dem Gedanken „Hm… und was mach ich jetzt die ganze Zeit?“

Es gibt keinen „Lärm“ rundherum, keinen Lärm in Form von Treffen oder Gesprächen mit anderen, keinen Lärm in Gestalt der x-ten Social Media-Postings, durch die man oft stundenlang gedankenverloren scrollt – oft, ohne wirklich wahrzunehmen, was man da konsumiert. Wie oft bleiben die Inhalte diverser Postings wirklich länger hängen wie es beispielsweise Texte aus fesselnden Büchern schaffen oder gute Gesellschaft, die einen mit guten Gesprächen und viel Lachen versorgt, was einen zumindest für ein paar Momente oder sogar Stunden aus dem Alltag holt?

Man betäubt sich nicht selten mit diesem „Lärm von außen“. Denn schaltet man genau diese Einflüsse ab, bleibt einem nur noch das eigene Ich als Gesellschafter. Und das kann schon mal unangenehm sein. Es kann einen sogar in eine Art Stress versetzen, man spürt vielleicht eine gewisse Unruhe, eben auch mit dieser Frage „Was mach ich denn jetzt?“

"Laute Stille"

Es kribbelt vielleicht in den Fingern, man ist doch gewohnt, immer irgendetwas zu tun. Entweder arbeitet man, oder man geht einem Hobby nach oder trifft andere Leute. Aber wenn das alles wegfällt, bleibt da diese Stille, die sich oftmals anfühlt, als würde sie einen anschreien. 

Das kann ein komischer Moment sein, es kann ein unerwarteter Moment sein, und es kann sich auch richtig ungut anfühlen. Eventuell versucht man sich zu wehren: „Es gibt sicher irgendwas zu tun“. Ob man dann das Handy zur Hand nimmt, sich einen Kaffee holt, Wäsche in die Waschmaschine gibt – was auch immer. Klar: Es gibt ja tatsächlich immer irgendetwas zu tun, es gibt immer und überall Möglichkeiten zur Ablenkung von dieser Stille, vor der „Unterhaltung mit sich selbst“. 

Aber wenn man der Stille mal nachgibt, kommen sehr oft auch gute Dinge zum Vorschein: Ideen. Erinnerungen. Gedanken an etwas, das man immer beiseite geschoben hat (und das muss nicht immer etwas Negatives sein, sondern z.B. etwas, für das man sich einfach nie Zeit genommen hat). Kleine Dinge bekommen auf einmal größere Bedeutung. Und das halte ich für gut. Sehr gut sogar. 

Alleinsein muss man lernen?

Vielleicht. Ich weiß es nicht, mir ist es meist sehr leicht gefallen. Sicherlich hat’s auch damit zu tun, ob man eher der introvertierte oder extrovertierte Typ ist. Und sicherlich ist es auch ein Thema, ob man freiwillig die Ruhe und das Alleinsein sucht, oder ob man einfach ins kalte Wasser geschubst wird.
Sicherlich macht’s auch einen Unterschied, ob man allein in einer schönen Umgebung ist und die auch genießen kann, oder ob man mehr oder weniger eingesperrt ist.

Unterm Strich läuft’s, glaub ich, irgendwann auf dasselbe hinaus: Man ist allein und muss sich damit zurechtfinden. Und das kann ein Lernprozess sein.

Ich erinner mich an meinen ersten Urlaub allein. Bedenken von meiner Mama, die sich da immer Sorgen um mich gemacht hat – „Da fährst allein hin?! Da kennst ja niemanden!“ – oder auch von Freunden – „Was machst da die ganze Zeit allein?“ – hab ich meist mit „Bin nicht allein, hab meine Kamera dabei. Brauch sonst nix.“ beantwortet. 

Und so war es auch. Ich war allein in Italien. Neun Stunden Autofahrt, um dann dort die Umgebung zu erkunden und ein paar Fotos zu machen. Mein „Sicherheitsanker“ war damals ein internationales Drachenfestival, wo ich ein paar Leute kannte. Sollte ich Lust auf Gesellschaft verspüren, würd ich da hingehen. Hab ich dann allerdings gar nicht so oft gemacht. 

Also, hab ich weitere Urlaube allein unternommen. Es ging für ein paar Tage nach Berlin, nach Portugal, nach Kopenhagen, nach Barcelona. Ich bin auch allein auf den Dachstein gefahren, um meine Höhenangst zu checken. Und ich konnt herausfinden, dass mein Gefühl mich nicht angeschwindelt hat. Sie war tatsächlich so gut wie weg.

In jedem „Nur ich-Urlaub“ hab ich ein bisschen mehr gelernt und vor allem ein bisschen mehr über mich gelernt. War ich anfangs sogar noch zaghaft, wenn es darum ging, allein in ein Lokal zu gehen, um dort zu essen, weil ich das irgendwie komisch fand, war’s mir schon sehr bald sehr egal. Ich hab es einfach als „Kaffeehausbesuch in Wien“ gesehen, wo man sich auch schon mal ohne groß drüber nachzudenken allein wo reinhockt und einen Kaffee trinkt. Was war dabei? Nix. Schaut wer komisch? Nein. Passiert was? Nein, außer, dass es einem gut geht.

Ich weiß jetzt also, dass ich sehr gut allein zurechtkomm. Auch in fremden Städten oder an mir unbekannten Orten. Mittlerweile mag ich das sehr gern, einfach auf eigene Faust und nach Lust und Laune den Tag gestalten, oder auch mal für ein paar Momente oder sogar Stunden einfach nur dazusitzen, den Gedanken freien Lauf zu lassen oder sie komplett abzuschalten. 

Mittlerweile ist’s für mich ein Muss, auch mal allein zu sein. Am besten aber weg von daheim, wo sich der „Alltagslärm“ immer wieder schnell mal einschleichen kann. Stichwort „Es gibt immer was zu tun“.

Alleinsein bringt mich weiter

Ich möcht hier jetzt nicht sagen, dass ich am liebsten in einer Höhle leben möcht, vor die ich einen Riesenfelsen roll, um nur ja nicht Gefahr zu laufen, jemandem begegnen zu können. Ich brauch schon auch Gesellschaft und freu mich drüber, mit Familie oder Freunden beinand zu sein. Aber trotzdem bin ich sehr gern allein. Wobei auch das nicht ganz stimmt, weil ja mein Hund immer bei mir ist. Aber ich denk, ihr wisst schon, wie ich das mein. 

Ich mag es, mich auf die Herausforderung „alleinsein“ einzulassen, weil ich dadurch sehr viel über mich selbst gelernt hab, mich besser kennengelernt hab und weiß, dass ich dadurch einfach auch mal Kraft tanken kann. Und ich mag mich selbst als einzige Gesellschaft auch sehr gern, ich bin gmiatlich mit mir allein 😉 

In meinen Ruhezeiten entstehen oft gute Dinge. Was ich in den letzten Jahren an mir selbst beobachtet hab: Wird’s mal zu ruhig, springen Türen zu neuen Ideen auf oder ich seh verworrene Dinge klarer. Ich denk, nicht ohne Grund mach ich immer wieder Ausbildungen. Und ist’s kein neues Thema, das ich angeh, ändern sich meist irgendwelche anderen Dinge. Das können schon mal Kleinigkeiten sein, aber rückblickend gesehen waren auch die ganz großartig. 

Erkenntnisse

Zuallererst – ganz wichtig: Alleinsein ist nicht gleichbedeutend mit einsam sein. Auch da hat meine Mama sich immer wieder Sorgen gemacht: „Wirst eh nicht trübsinnig, wenn du allein bist?“ – Nein, Mama, keine Chance!

Und sogar mein Chef hat was Positives aus seinem Zwangs-Alleinsein gezogen, denn sein Facebook-Posting geht noch weiter:
Interessant ist schon zu beobachten aber, wie ich als „Zappelphilipp“, nicht nur Corona geschuldet, immer ruhiger werde und mir immer wieder den Gedanken fasse: „Oida, stress dich nicht. Du kannst nirgendwo hin, du hast keine Termine oder andere Verpflichtungen im Moment. Du musst dich nicht zum Einkauf hetzen, weil das Geschäft um XX dicht macht“ – oder sonst was.
Ich glaube, ich komme das erste Mal seit Jahrzehnten gerade „runter“. Kann auch was.
Auch wenn ich krank bin, auch wenn viel immer sagen „Nimm dir mal Zeit für dich“ – dann habe ich das bis jetzt nie geschafft. Immer hatte ich eine Ausrede auf Lager, warum ich keine Zeit für mich habe. Nun MUSS ich.“

Ja, Cheffe, diese Ausreden kenn ich. Scrollen durch belanglose Social Media-Postings, am Handy irgendwas rumtun, oder sonstwelche Dinge erledigen, die grad „megawichtig“ sind (sind sie oft nicht), damit wir nur ja nicht in eine Unterhaltung mit uns selbst reinkippen. 

Alleinsein kann sehr gut tun, find ich. Was ich jetzt in einem etwas längeren Beitrag beschrieben hat, hat mein Chef innerhalb eines Postings geschafft – eins von den interessanten, die hängen bleiben. Well done, Tom!

"Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da – tu irgendetwas, sollten wir das Gegenteil fordern:
Tu nicht einfach irgendetwas – sitz nur da."

— Thich Nhat Hanh —